Einblicke

Hier finden Sie weitere Infos zu meinem Herzensthema: Barrierefreiheit im Tourismus. Texte zu meiner Philosophie, Interviews mit den Menschen, um die es geht, Hintergrundwissen für Ihre Produktgestaltung oder Ihr Marketing, und vieles mehr. Lassen Sie sich inspirieren!

Foto eines Fernrohrs auf Hüfthöhe mit einem Rollstuhlfahrer-Symbol darauf.

Gute Aussicht für Alle

Foto eines Fernrohrs auf Hüfthöhe mit einem Rollstuhlfahrer-Symbol darauf.

Ob Deutschland in Sachen Barrierefreiheit gut oder schlecht abschneidet, kommt immer darauf an, mit welchem anderen Land man es vergleicht. In den USA schütteln Veranstalter den Kopf, wenn ich ihnen eine Broschüre zum Thema Barrierefreiheit vorlege – ja ist das denn bei Euch nicht selbstverständlich, dass alles barrierefrei ist?? Tatsächlich gehen Amerikanerinnen und Amerikaner ganz anders an das Thema ran – Barrierefreiheit wird nicht hinterfragt und die Angebote für Menschen mit Behinderung sind vielfältig.

An dem Aussichtspunkt in einem US-Nationalpark, den Sie auf dem Foto sehen, steht dementsprechend ganz selbstverständlich nicht nur ein Fernrohr für stehende Besucher*innen, sondern es ist auch eines für Menschen im Rollstuhl da – in der entsprechenden Höhe und unterfahrbar! Eine barrierefreie Lösung, die sicherlich auch Kindern nützt und nicht mehr kostet als die anderen Fernrohre… nahezu perfekt!

Dieses Fernrohr hat übrigens Brigitte Fach für mich entdeckt. Sie ist Architektin und im Urlaub und Alltag genauso mit offenen Augen in Sachen Barrierefreiheit unterwegs wie ich.

Cartoon von Hubbe: Eine Gruppe behinderter Menschen wird fotografiert. Der Fotograf sagt: Bitte etwas ernster und trauriger, Sie sind doch schließlich behindert.

Humor und Behinderung

Bei Witzen über das Thema Behinderung stocken wir zunächst – darf ich darüber wirklich lachen oder ist das respektlos Menschen mit Behinderung gegenüber?

2011 saßen viele von uns im Kino und haben sich genau diese Frage gestellt – der Film „Ziemlich beste Freunde“ zeigt auf wahnsinnig witzige Art den unkonventionellen Umgang eines Pflegers mit einem gelähmten Mann. Spätestens nach den ersten 10 Minuten aber konnten wir uns ohnehin nicht mehr zurückhalten: wir mussten einfach lachen! Und gingen am Ende mit einem veränderten Bild von Behinderung nach Hause…

Umgang mit behinderten Menschen

Ich zeige den Trailer dieses Films immer noch gerne in meinen Schulungen, weil er für mich genau das zeigt, was ich meinen Schulungsteilnehmerinnen und -teilnehmern über den Umgang mit behinderten und älteren Menschen mitgeben möchte: Bitte verhalten Sie sich normal! Lachen ist normal, ja sogar gesund, und wenn Sie ein witziger Typ sind und mit allen Menschen Witze machen – dann wäre es eine Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, wenn Sie mit ihnen nicht lachen und Witze machen dürften. Ob dann wirklich über die Behinderung gelacht werden muss oder darf, darüber kann man sich streiten und sicherlich kommt es wie so oft auf den Einzelfall an. Menschen (mit und ohne Behinderung) sind halt nicht alle gleich…

„Behinderte Cartoons“

Einer, der sich mit Humor und Behinderung auskennt wie kein Zweiter, ist Phil Hubbe. Der Cartoonist zeichnet seit fast 20 Jahren Cartoons mit und über Menschen mit Behinderung. Viele Menschen mit Behinderung sagen „Du darfst das“, denn Hubbe hat selbst eine chronische Erkrankung – in seinem liebsten Cartoon „MS Rainer“ nimmt er sich selbst auf die Schippe. Und manch eine oder einen hat er mit seinen Cartoons zum ersten Mal dazu gebracht, über die eigene Behinderung zu lachen.

Cartoon von Hubbe: Eine Gruppe behinderter Menschen wird fotografiert. Der Fotograf sagt: Bitte etwas ernster und trauriger, Sie sind doch schließlich behindert.

Lachen Sie mit!

Auch ich habe anfangs gezögert, über die „ziemlich besten Freunde“ zu lachen. Nach vielen Reisen mit behinderten und älteren Menschen kann ich mittlerweile aber gar nicht mehr anders: Wenn ein Witz lustig ist, lache ich mit!

Die Cartoons von Phil Hubbe gefallen mir so gut, dass ich ihn gebeten habe, sie für mein aktuelles Schulungsprogramm verwenden zu dürfen. Im Programmheft finden Sie also einige davon und dazu ein kleines Interview mit dem Zeichner zum Thema „Humor und Behinderung – geht das?“
Viel Spaß beim Lesen!

Hinweis vom 18.01.22: Das Schulungsprogramm der Schulungsreihe von 2019 ist nicht mehr online verfügbar. Die Cartoons von Phil Hubbe aber schon – schauen Sie doch mal unter www.hubbe.de.

Phil Hubbe mit seinen „behinderten Cartoons“

Leichte Sprache immer noch unbekannt

Dass viele Menschen „Leichte Sprache“ und das dahinterstehende Konzept der klaren Regeln, die Menschen mit geistiger oder Lernbehinderung den Zugang zu Texten erleichtern sollen, immer noch nicht kennen, ist leider eine Tatsache. Allerdings könnte man doch meinen (oder hoffen?), dass zumindest zu Journalisten bereits durchgedrungen sein sollte, dass es diese Sprachform gibt und dass Sie einen konkreten Nutzen erfüllt.

Leider beweist eine Redakteurin der „Welt“ das Gegenteil. Während die Redakteurin mit ihrem Kommentar gegen Leichte Sprache in den letzten Wochen eine heiße Diskussion entfacht hat, habe ich eine Nachricht entdeckt, die mir den Sinn meiner Bemühungen (und der vieler anderer Menschen!) wieder ganz deutlich vor Augen führt.

Artikel über die heiße Diskussion um Leichte Sprache

„Berührende Lesung“ (Süddeutsche Zeitung, 22.10.18)

Beim Übertragen von Texten in Leichte Sprache denke ich außerdem ganz oft an Stephanie Schuchmann. Wir haben uns im Netzwerk Leichte Sprache kennengelernt. In diesem Film wird an ihrem Beispiel deutlich, welche unglaubliche Barriere Sprache sein kann und wie Leichte Sprache die Teilhabe am Leben ermöglicht:

Film „Leichte Sprache – Brücke zur Welt“

Mann mit Kinderwagen fährt eine Rampe hoch, die mit einem Rollstuhlfahrer-Symbol gekennzeichnet ist.

Barrierefrei – ein Vorteil für Personen mit Kinderwagen

Mann mit Kinderwagen fährt eine Rampe hoch, die mit einem Rollstuhlfahrer-Symbol gekennzeichnet ist.

Meine erste Bilanz nach mehr als sechs Monaten unterwegs mit Kinderwagen: Das ist ja kinderleicht!! Nun gut, man muss bedenken, dass ich bisher oft in Begleitung von Rollstuhlfahrern unterwegs war. Gerade mit E-Rollis durchkreuzt unter Umständen bereits eine einzelne Stufe den Plan für den ganzen Tag. Da ist es mit Kinderwagen schon bedeutend einfacher! Natürlich suche ich auch jetzt nach Aufzügen und Rampen (die ich zumindest im gewohnten Umfeld ja dank Rolli-Begleitung schon kenne). Aber wenn der Aufzug eben mal kaputt oder nicht vorhanden ist, findet sich jemand, der anpackt und schon komme ich trotz Kinderwagen weiter. Bei der Bahn muss ich nicht vorher angemeldet sein und dann am Gleis auf das Personal mit dem Hublift warten, sondern komme mit der Hilfestellung freundlicher Mitreisender auch spontan weiter. Allerdings gibt es andere Schwachstellen, die mich als junge Mutter beschäftigen: Wo kann ich mein Baby unterwegs in geschütztem Rahmen stillen? Gibt es irgendwo einen Wickeltisch? Und – das Schwierigste: Kann ich unterwegs selbst auch mal zur Toilette ohne dass ich mein Baby im Kinderwagen an einem fremden Bahnhof, im Zug, in einer Gaststätte oder im Kaufhaus alleine auf dem Flur warten lassen muss?

Kurzum: Ich bin insgesamt mit Kinderwagen viel unkomplizierter unterwegs als mit Menschen im Rollstuhl und würde mich schon fast trauen zu fragen, warum Barrierefreiheit eigentlich als notwendig für Personen mit Kinderwagen angepriesen wird – wären da nicht die anderen Muttis, die vorher eben nicht mit Rollstuhlfahrern unterwegs waren und jetzt als „totale Anfänger“ auf der Suche nach dem Aufzug scheitern. Oder mein Mann, der während ich Anfang des Monats eine Schulung in Berlin gehalten habe, versucht hat, mit der S-Bahn die Stadt zu erkunden. Stinksauer treffe ich ihn abends wieder – „So was Umständliches!! Bei einer Station musste ich zwei Aufzüge benutzen, um zum Gleis zu kommen, bei der nächsten war der Aufzug kaputt und jemand musste mir beim Tragen des Kinderwagens helfen!!“ – Was hat er denn? frage ich mich. Ging doch! 😉

Umgang mit schwerhörigen Gästen

Viele von uns kennen es von Großeltern oder Eltern: Im Alter lässt bei den meisten Menschen das Gehör nach. Den Betroffenen ist es oft peinlich, ständig nachzufragen oder gar das Gegenüber darauf hinzuweisen, dass sie schlecht hören. Auch wenn es für uns als Tourismusakteure einfacher wäre, der Gast würde seine Hörschwäche offen kommunizieren – wir können dies weder verlangen noch das Problem ignorieren. Denn es wird spätestens dann zu UNSEREM Problem, wenn die Teilnehmer*innen einer Gästeführung ausbleiben oder Hotelgäste am Ende der Reise unzufrieden abreisen, weil sie nichts verstehen bzw. sich nicht verstanden fühlen.

Was sollten wir also tun, um schwerhörigen Menschen entgegenzukommen? Wir sollten die Bedürfnisse schwerhöriger Gäste genau ansehen, um unsere Produkte und unseren Service optimal darauf abstimmen.

Wie verstehen schwerhörige Menschen?

Zunächst ist es wichtig zu verstehen, wie schwerhörige Menschen Informationen wahrnehmen: Das Gehör liefert Wort- und Satzfetzen. Die Lücken, die bleiben, lassen sich teilweise durch die Mimik und Gestik des Sprechenden füllen. (Manche hörbehinderte Menschen lesen auch von den Lippen ab, wobei selbst eine gute Lippenleserin oder ein guter Lippenleser maximal 30 % des Inhalts verstehen kann.) Als dritte Komponente gibt der Sinnzusammenhang eventuell noch Aufschluss darüber, was gerade gesprochen wird.

Es wird schnell deutlich: Schwerhörige vollbringen eine unglaubliche Leistung, die Aussage ihres Gegenübers aus drei verschiedenen Quellen zusammen zu puzzeln! – Wir müssen uns endgültig von der Vorstellung verabschieden, dass Taubheit oder Schwerhörigkeit mit Dummheit gleichzusetzen ist, wie es früher leider oft gemacht wurde und sich deshalb noch in der Sprache widerspiegelt. (Im Englischen ist „thumb“ ein Wort das sowohl taub als auch dumm bedeuten kann, im Deutschen kann „verstehen“ oder „nicht verstehen“ sowohl geistiges als auch akustisches Verstehen bedeuten.)

Nicht lauter sprechen als normal

Das verlässlichste Hilfsmittel, das wir schwerhörigen Gästen gegenüber einsetzen können, ist ein adäquater Umgang mit ihnen. Lauter sprechen als normal nützt allerdings wenig, denn Schreien verzerrt die Sprache und schwerhörige Menschen sind oft lärmempfindlich. Sinnvoller ist es, zunächst Blickkontakt herzustellen und zu halten (am besten bei guter Beleuchtung), langsam und deutlich zu sprechen, die gleichen (möglichst kurzen) Sätze geduldig zu wiederholen, Gesten natürlich einzusetzen, Umgebungsgeräusche zu minimieren und Themen nicht abrupt zu wechseln. Wenn Sie den schwerhörigen Gast schlecht verstehen – Schwerhörigkeit beeinträchtigt evtl. auch die Kontrolle der Aussprache – dann bitten Sie ihn freundlich um Wiederholung. Wichtige Informationen sollten Sie schriftlich geben.

Hörbehinderung ist unsichtbar

Ob Ihr Gegenüber schwerhörig ist, erkennen Sie oft nur auf den zweiten Blick. Vielleicht spricht Ihr Gast Sie darauf an, vielleicht fällt Ihnen ein Hörgerät auf – in den meisten Fällen ist allerdings gute Aufmerksamkeit im Gespräch der einzige Weg, das Problem zu erkennen. Was macht Ihr Gast, wenn Sie ihm etwas mitteilen? Lachen, nicken und hoffen, dass es keine Frage war? Das erkennen Sie mit viel Fingerspitzengefühl und können dann entsprechend reagieren.

Welche technischen Hilfsmittel gibt es?

Neben dem entsprechenden Umgang gibt es auch technische Hilfsmittel zur Erleichterung der Kommunikation zwischen guthörenden und schwerhörigen Menschen. Hörgeräte sind Hilfsmittel, die der Gast selbst mitbringt. Sie sind prinzipiell einfach zu bekommen – aber leider sehr schwer zu nutzen! Hören mit Hörgerät ist anders als über ein gesundes Ohr, zum Beispiel durch den unterschiedlichen Klang, aber auch durch fehlendes Richtungshören und Filtern von unwichtigen Geräuschen. Zudem kann ein Hörgerät nur Töne verstärken, die ansatzweise gehört werden. Haben Sie Verständnis, wenn Ihr Gast kein Hörgerät benutzt, weil er mit dieser Technik nicht vertraut wird.

Andere technische Geräte können wir als Tourismusakteure für unsere schwerhörigen Gäste bereithalten. Induktive Hörschleifen oder ähnliche Techniken unterstützen das Hörgerät beim Filtern der relevanten Geräusche (verstärkt wird z.B. nur das, was über eine Mikrofonanlage von der Bühne im Theatersaal ausgesendet wird, nicht das Husten des Sitznachbarn). Mikrofonanlagen bei Stadtführungen verstärken die Stimme des Gästeführers. Vergessen Sie aber nicht: Kein technisches Gerät ersetzt die Regeln des Umgangs, die oben erläutert wurden. Im Zusammenhang mit unseren schwerhörigen Gästen wird besonders deutlich, dass der Tourismus eine Dienstleistungsbranche ist – guter Service sollte Standard sein!

Und gehörlose Menschen?

Durch das häufige Auftreten von Schwerhörigkeit im Alter ist die Zahl der schwerhörigen Menschen um ein Vielfaches höher als die der gehörlosen Menschen. (Tatsächliche Zahlen zu ermitteln ist sehr schwierig, da die Schwerbehindertenstatistik nur die schwerste Behinderung erfasst und ältere Menschen meist nicht „nur“ schlecht hören.) Zudem erfordert der Umgang mit gehörlosen Menschen andere Maßnahmen als der mit schwerhörigen. Wenn Sie mehr über den Umgang mit Gehörlosen wissen möchten, sei Ihnen folgender Artikel empfohlen, der zwar nicht auf den Tourismus zugeschnitten, aber doch hilfreich ist:

Link zum Artikel über Umgang mit hörgeschädigten Menschen